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Alte Musik und junge Leute?

Es gibt in Deutschland nicht nur eine kleine, versprengte Schar musizierender Jugendliche, die sich für historische Aufführungspraxis und lebendiges Entdecken vermeintlich „angestaubter“ Musik interessiert. Es sind sogar viele, die sich mit großem Elan, starken Ambitionen und teilweise auch beruflicher Perspektive mit historischer Aufführungspraxis beschäftigen. Ihre Musik ist äußerst lebendig und eine echte Bereicherung für den Musikbetrieb, diese jungen Musiker werden jedoch bislang häufig nicht nur nicht wahrgenommen, sondern auch u.E. oft nicht ausreichend gefördert. Nur sehr wenige Institutionen in Deutschland kümmern sich aktiv darum, interessierte Jugendliche aktiv an das professionelle Ensemblespiel in historischer Aufführungspraxis heranzuführen. Eine große Ausnahme bildet hier z.B. die Musikakademie Sachsen-Anhalt mit ihrem Projektorchester „Bachs Erben“.

Es gibt in Deutschland bislang keine flächendeckenden Angebote für Kinder und Jugendliche, kontinuierlich das Spiel auf historischen Instrumenten zu erlernen. Aber gerade das fortlaufende Angebot und dann die Möglichkeit zum Zusammenspiel erschließt Jugendlichen erst den Zugang zu der Musik vor 1800, und die ist im wesentlichen immer Ensemblemusik.

Erfahrungen aus dem ersten Festival ReTour.1711

Zwar wurden seit den 70er-/80er-Jahren des letzten Jahrhunderts eine sogar noch zunehmende Zahl an regionalen, nationalen und internationalen Festivals für Alte Musik ins Leben gerufen, aber nirgendwo hatten bislang musizierende Jugendliche, die sich für Alte Musik interessieren, die Möglichkeit, sich im Rahmen eines Festivals über ihre Musik auszutauschen, ihre Ensembles vorzustellen, Gleichgesinnte und neue Werke kennenzulernen oder Unterricht bei renommierten Künstlern zu erhalten. Im klassischen Musikbetrieb ist das dagegen heute eine Selbstverständlichkeit in der Spitzenförderung junger Musiker, bis hin zu Kooperationen mit Musikhochschulen.

Gleichzeitig gibt es für interessierte Kinder und Jugendliche und junge Nachwuchsmusiker außer bei gelegentlichen „Kinderkonzerten“ im Rahmen von Festivals auch heute immer noch kaum Möglichkeiten, Alte Musik in historischer Aufführungspraxis live zu erleben. Hier galt es eine Lücke zu schließen.

Die Idee zu einem solchen Festival haben wir wieder aufgenommen, als wir beim Bundeswettbewerb Jugend Musiziert 2010 einige sehr beachtliche Ensembleleistungen hörten. Vom 23. bis 26. Juni 2011 veranstalteten die Musikschule Beckum-Warendorf e.V. und die Kulturscheune Walstedde (Träger: Wunderwerk e.V.) das erste Festival ReTour.1711 – Alte Musik für Junge Leute. Über 45 junge Musikerinnen und Musiker kamen aus dem ganzen Bundesgebiet. Während der Festivaltage hatten die Teilnehmer einzeln oder im Ensemble Unterricht bei acht Dozenten. In den 6 Konzerten in Ahlen, Drensteinfurt und Münster zeigten die Jugendlichen auf eindrucksvolle Weise die Vielfalt ihrer Möglichkeiten auf, Musik zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert auf historischen Instrumenten wieder zu etwas Lebendigem und Erlebbarem zu machen. Das Festival soll nun zukünftig regelmäßig stattfinden und wird mit ReTour.1712 im Juni 2012 fortgesetzt, der Verein Focus Alte Musik. NRW wird hier mit den beiden bisherigen Veranstaltern federführend

 

 

Situation in NRW, im Münsterland und im Kreis Warendorf

 

In Nordrhein-Westfalen und gerade im Münsterland und den angrenzenden Regionen gibt es eine große Zahl an Musikschulen, die meist sehr differenzierte Angebote zur musischen Bildung v.a. für Kinder und Jugendliche vorhalten. An einigen Musikschulen gibt es sogar die Möglichkeit, bei dort angestellten Lehrkräften ein Instrument in historischer Spielweise zu erlernen. Für Ensemblespiel halten einige Musikschulen sogar ein Cembalo als Tasteninstrument vor. Treibende Kraft der historischen Aufführungspraxis an Musikschulen sind auch in Nordrhein-Westfalen meist die Lehrkräfte  für Blockflöte. Die Möglichkeit, fortlaufend im größeren Rahmen Ensemblespiel auch mit verschiedenen anderen Instrumenten in historischer Bauweise zu bekommen, besteht dagegen derzeit wohl an kaum einer NRW-Musikschule. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen u.a. auch darin begründet, dass den Musikschulen die Mittel für diese häufig belächelte Musizierpraxis fehlen, weil sie für scheinbar publikumswirksamere Arbeitsbereiche zur Verfügung gestellt werden müssen. So bleibt die Arbeit oft abhängig vom zusätzlichen, ehrenamtlichen Engagement einzelner Musikschullehrer, geeignete Instrumente in historisch korrekter Bauweise können nur selten angeschafft werden.

Die an mehreren Musikschulen der Region so entstandenen Initiativen drohen an den einfachsten Grundvoraussetzungen zu scheitern: keine Instrumente, keine geeigneten Räume für Ensembleproben, manchmal fehlen ein oder zwei Musiker für die passende Besetzung. Das Interesse an Vernetzung ist groß. Eine Bündelung aller vorhandenen Kräfte in der Region und schließlich aus ganz Nordrhein-Westfalen ist daher notwendig.

 

Lösungsweg?

 

Aufgrund des offensichtlichen Bedarfs haben wir den gemeinnützigen Verein Focus Alte Musik. NRW. gegründet, um ein Plattform zu bilden, auf der sowohl

  • die Ensemblearbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen,
  • der Lückenschluss in die vorberufliche Ausbildung junger Musikerinnen und Musiker,
  • die musikalische Breitenarbeit mit interessierten erwachsenen musikalischen Laien,
  • die Fort- und Weiterbildung von interessierten Lehrkräften von Musikschulen als auch
  • die Bereitstellung geeigneter Leihinstrumente in historischer Bauweise, und
  • im Einzelfall auch der instrumentale Einzelunterricht auf historischen Instrumenten

organisiert und finanziert werden kann.